Beispiel: Die "Schwester-Mutter" oder "Freundin-Mutter"


Die "Schwester–Mutter“ oder „Freundin-Mutter“


Die Botschaft der „Freundin-Mutter“ an ihre Tochter lautet: „Ich bin wie du – jugendlich, passiv, verantwortungslos. Du bist wie ich – weiblich-attraktiv.        Daher bist du mit mir gleichrangig und eine Konkurrentin um den Papa-Ehemann; wir beide sind sexuell attraktive „Töchter“ des „Vater-Ehemannes“.


(Hier zunächst Erläuterungen zu sozialpsychologischen Hintergründen - die Beschreibung eines typischen Beispiels finden Sie weiter unten.)

Typisch in dieser Konstellation sind ambivalente (gemischte, teils widersprüchliche) Gefühle von Eifersucht, Verbundenheit und Abwehr der Mutter gegenüber der Tochter als gleichrangige Untergeordnete - quasi jüngere Schwester - im Kampf um Fürsorge, Begehren und Anerkennung durch den Papa-Ehemann. 
Die Mutter geht zu ihrer Tochter in Konkurrenz z.B. um jugendliche Schönheit und wird möglichst auch äußerlich zur „älteren Schwester“ und möchte dem Papa-Ehemann auf submissive und verführerische Weise gefallen. 
Oft bemüht sich eine solche Frau und Mutter über Hungerkuren eine mädchenhafte Figur wieder zu erlangen oder zu behalten, und sich im aktuellen jugendlichen Trend zu kleiden und zu stylen. Sie tauscht Kleidungsstücke mit der Tochter und ahmt deren Stil und jugendlichen Sprachjargon nach. 
Über ihr Privatleben zieht sie die Tochter möglicherweise frühzeitig ins Vertrauen, erzählt ihr zur eigenen Entlastung selbst intime Dinge aus ihrem Leben, lässt sich von der Tochter bewundern oder trösten, und nimmt nicht wahr, wie sehr sie ihr Kind damit überfordert. Freundin/Schwester-Mütter sind durch dieses Verhalten ein problematisches Vorbild für ihre Töchter als angepasste, oft unterwürfige, schwache, nicht-mütterliche, regressive patriarchale Frauengestalten.
    Hintergrund Kulturgeschichte: Dieser unreife, ewig-mädchenhafte Typus einer Frau galt früher, besonders im Bürgertum – aber nicht nur dort – als eine „normale“ Frauenpersönlichkeit – eine Frau, die stets kindlich-naiv bleibt, sich von ihrem Mann führen lässt und nie erwachsen wird. Ja, genau genommen, verboten ihr sogar die von Männern ausgedachten staatlichen Gesetze das Erwachsen-werden: eine Frau galt in den christlich-europäischen Staaten viele Jahrhunderte lang nicht als freier Mensch, sondern stets als Mündel – erst des Vaters, dann des Ehemannes. In streng "vater-religiösen" Kulturen wird diese Art der Bevormundung von Frauen heute noch aufrecht erhalten. Auf diese Weise kann eine Mutter im Alter sogar ein Mündel ihres eigenen ältesten Sohnes sein – ein unwürdiger Zustand für einen erwachsenen Menschen!
In einer Familie, in der auch der Ehemann/Vater diese Konstellation unterstützt - oder sie sogar einfordert - , werden Mutter und Tochter immer verlieren: 
Zum Einen, weil sie sich durch ihre Konkurrenz gegenseitig verlieren. Denn ebenso wie bei der "Kind-Mutter" findet die Tochter in ihrer Mutter kein Vorbild für erwachsene Weiblichkeit, findet nicht ausreichenden Schutz und Geborgenheit. Denn diese Mutter ist ja auch nur „ein junges Mädchen“, hilflos, unsicher und desorientiert.
Zum Anderen, verliert die Mutter gegen die Tochter ihre Stellung als attraktive und einzige Partnerin ihres Ehemannes. Denn in einer Familie, die unter „attraktiver Weiblichkeit“ hilflose Unreife versteht, hat die Mutter "schlechtere Karten": 
ihre Tochter ist ja immer noch jünger, schwächer, argloser, hilfloser und daher möglicherweise interessanter für den zu einem solchen System gehörenden selbstwertschwachen Vater-Ehemann.
Die Tochter erleidet unter diesen Bedingungen den größten Verlust: sie verliert beide Eltern im Sinne von schützenden, starken und überlegenen Bezugspersonen. 
Sie wächst auf ohne ausreichenden mütterlichen Schutz vor dem eventuellen Zugriff männlicher Aggression und Überforderung. 
Sie wird in der Folge entweder ihre Mutter als schwachen Menschen verachten oder teils positiv als enge Freundin erleben, meistens jedoch in Konkurrenz zu ihr stehen und daher im Keim eine Verachtung für ihre eigene zukünftige (mütterliche) Weiblichkeit in sich entwickeln. 
Kleine Mädchen oder jugendliche Mädchen fühlen sich zwar zunächst vielleicht geschmeichelt durch die Vertraulichkeiten mit ihrer Mutter. 
Selbst manche erwachsene Frau erwähnt in der Beratung zunächst lächelnd, dass ihre Mutter für sie eher wie eine große Schwester oder eine Freundin (gewesen) sei, und dies "eigentlich immer schon“. 
Auf Nachfragen stellt sich jedoch meistens heraus, dass diese Art der Mutter-Tochter-Beziehung für die Tochter viele Nachteile mit sich brachte.
Auch einen fürsorglichen, schützenden und seriösen Vater lernt eine Tochter nicht kennen in dieser Dreierkonstellation von Schwester-Mutter, schwachem Vater und Tochter. Denn Männer, die mit kindlichen Frauen/Müttern leben, haben dafür ihre Gründe. Sie neigen zu intimen Beziehungen mit schwachen Frauen vor dem Hintergrund ihrer eigenen schwachen Männlichkeit. Für solche Männer erscheint es nahe liegend, die Tochter, als schier ohnmächtige „Frau im Kleinformat“, „seine Prinzessin“, als das süße Ideal seiner Vorstellung von schwacher Weiblichkeit, zu idealisieren und ihre kindliche Naivität psychisch, ggf. auch sexuell, zu manipulieren und für sich auszubeuten.        
Die Tochter verliert in dieser Konstellation ihre Kindheit durch Überforderung und Parentisierung, und verpasst in der Zukunft ein Hineinwachsen in souveräne Weiblichkeit. Sie hat dann die Wahl entweder ihrer Mutter zu folgen und ebenfalls eine nicht-erwachsene Freundin-Mutter zu werden, um ewige Jugend und Kindlichkeit kämpfend oder – dem Vater nachfolgend - eine Nachahmung seiner jeweiligen männlichen Strategien zu versuchen.
Nicht wenige solcher Töchter entwickeln neben der Verachtung für die schwache, weil unwürdige, Mutter eine Bewunderung für den - scheinbar! - stärkeren Vater und seine Position. Im Zuge der heutigen Genderentwicklung ist sie – die Tochter einer „Schwester-Mutter“ und eines „Über-Vaters“ - prädestiniert, eine der modernen „Vatertöchter“ zu werden, denen Weiblichkeit suspekt und verachtungswürdig erscheint und für die allein männlich-patriarchale „Überlegenheit“ erstrebenswert ist.
Hintergrundwissen, kulturgeschichtlich: Der Muttertypus der Freundin/Schwester – Mutter taucht auch in der aktuellen Popkultur auf. Diese top gestylten Frauen mittleren Alters freuen sich besonders, wenn sie gefragt werden, ob sie die ältere Schwester ihrer Tochter seien.... 
Auf eine Tochter dürften solche Komplimente für ihre Mutter eher unangenehm wirken, denn in gewisser Weise wird sie ja betrogen um ihre Lebenszeit als jugendliche Schönheit. 
Die Mutter, welche eigentlich ihre Mädchenzeit schon hinter sich hat, macht hier der Tochter den Platz streitig und verdirbt ihr die Freude und ihr natürliches Recht auf diese kurze Lebensphase als begehrte jugendlich-frische Frau und Partnerin für junge, gleichaltrige Männer.
Ein Grund für das unangebrachte Auftreten dieser Mütter, ist ihre bodenlose Furcht vor der eigenen Wertlosigkeit, und dies – teilweise – zu Recht: in unserer patriarchaler Kultur mit ihrem Jugendwahn, der untergründigen Angst vor Vergänglichkeit und Tod, der Missachtung von Mutterschaft, dem mangelnden Respekt vor Alter und Weisheit, hat eine Frau, wenn sie erwachsen und reif wird, bereits „ausgespielt“. 
Der Grund: nichts fürchten patriarchale Männer mehr, als eine souveräne, schöne, starke, reife und dabei selbstbewusste Frau! 
Denn eine solche Frau durchschaut männlich aufgeblasene Angeberei und die dahinter liegende Unsicherheit! 
Sie fällt nicht herein auf den Überlegenheitsanspruch selbst ernannter männlicher Anführer –              sei es in der Familie oder in der Politik - , sondern betrachtet anmaßende Männer kritisch, distanziert und wissend. 
Derartig souveräne Frauen sind die größte Gefahr für männlich-patriarchale Individuen und für deren – also unser! - politisches System. Daher wurden und werden sie in großer Zahl ermordet - vor nicht all zu langer Zeit auch hierzulande - und werden heute weltweit - auch hierzulande! - durch Rufmord geschädigt und eliminiert: ignoriert, verunglimpft, belächelt, verteufelt. 
Der „Hexenwahn“ bzw. die Frauenverfolgung ist nicht vorbei, solange es von männlichen Ängsten dominierte Kulturen gibt.
Unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen fürchten sich viele Frauen, nicht mehr länger das kleine, verantwortungslose Mädchen zu sein. Sie schämen sich für ihr Alter, für ihren reifen Körper, sogar für ihre verborgene Stärke, ihre Lebenserfahrung und ihr heimliches Wissen – und verleugnen diese! 
Tief steckt in uns Frauen die Erinnerung an all die Strafen, die patriarchale Kultur für starke Frauen bereit hielt/ hält! (s. auch Stichwort „Stockholm-Syndrom“) 
Es gibt nichts – nichts! - was Männer in der patriarchalen Kulturgeschichte widerständigen Frauen nicht bereits angetan haben....und weiterhin antun. Daher ist die Verleugnung des eigenen Erwachsen-seins, die Verleugnung von Wissen, innerer Stärke und oft sogar von weiblicher Überlegenheit, ein hilfloser Versuch, dem irdischen Fegefeuer der konkreten körperlichen Gewalt bzw. der subtilen Gewalt durch Verachtung, Verspottung und Einsamkeit zu entgehen. 
In einer Kultur, in der die alternde Frau in der Öffentlichkeit die am wenigsten geachtete Person überhaupt ist, macht es wenig Freude, eine alte Frau zu sein. Unser Jugend- und Schönheitswahn und die Reduzierung von Frauen auf ihre äußere Attraktivität macht es möglich, fast jede Frau – gleich welchen Alters, gleich welcher objektiven Attraktivität - mit dem simplen männlichen Ausspruch: “Na - Du bist aber alt und hässlich“ in Scham und Verlegenheit zu bringen...
Gleichgültig ob derartige Bemerkungen von einem unsicheren Jüngling, einem blassen Büroangestellten oder einem konkurrierenden Managertypen kommen: Frauen fühlen sich aufgrund ihrer tiefen Verletzungen und erheblichen Selbstunsicherheit von solchen Schmähungen getroffen und beschämt.
So ist die um ewige Jugendlichkeit bemühte Freundin-Mutter/oder Schwester-Mutter eine Form der Anpassung und Unterwerfung unter ein männlich dominiertes System, welches mit der reifen Kraft und Stärke von Frauen nichts anfangen kann, sondern sich davor fürchtet. Der Schaden, der durch diesen Verlust der mütterlich-erwachsenen Frau in unseren Familien – für die Töchter und Söhne - und in unserer Gesellschaft entstanden ist und weiterhin entsteht, ist unermesslich!
Zu meiner großen Erleichterung ist in den letzten Jahren durch das beherzte, mutige und aufopferungsvolle Eingreifen verschiedener einzelner Frauen und neuer Frauengruppen wieder einmal eine Gegenbewegung entstanden, die mehr und mehr um sich greift. Ohne die Hilfe und Ausbreitung dieser neuen, widerständigen Frauenbewegung, angeführt von erwachsenen Müttern und Großmüttern, werden wir alle nicht nur unser Selbstwertgefühl als Menschen, sondern zugleich den Wettlauf um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen auf der Erde verlieren! (mehr Infos dazu unter den web.-seiten!)
Ein anderer Hintergrund für die „Freundin- oder Schwester-Mutter“- Konstellation ergibt sich in Kulturen, wo die Frau per Gesetz oder Tradition ihrem Ehemann von vorn herein untergeordnet ist – ähnlich wie eine Tochter. Dadurch kann die Mutter so weit entmachtet werden, dass sie nicht mehr als „Mutter“ im Sinne einer schützenden und ordnenden Instanz für ihre Tochter wirken kann – denn das letzte Wort hat in diesem Fall immer der Ehemann/Vater. 
Durch den gesellschaftlichen Druck muss eine Mutter in dieser Situation zulassen, dass sie im eigenen Haushalt zum Kind gemacht wird und somit ihrer Tochter gleich gestellt. 
Hierbei entsteht nicht selten eine besondere Form der Mutter-Tochter-Freundschaft, die anders einzuschätzen ist, als die bisher und im Folgenden beschriebenen Beispiele es darlegen. Lesen Sie dazu auch „Die unterworfene Mutter“ bzw. „Die resignierte Mutter“.
Ein konkretes Beispiel für die „Freundin-Mutter“ und ihre Tochter :
Frau X. - nennen wir sie Alina - , 26 Jahre alt, war erst kürzlich von ihrem Partner verlassen worden, klagte und weinte, und fühlte sich sehr unglücklich. 
Ihr Freund, mit dem sie seit vier Jahren zusammen lebte,  habe sich einer anderen, jüngeren und hübscheren Frau zugewandt, die auch bereits bei ihm eingezogen sei. 
Alina erlebte sich als nun völlig hilflos, allein gelassen und verzweifelt, dachte sogar daran, sich das Leben zu nehmen. 
Sie habe diesen Mann sehr bewundert, er sei ihr ganzer Lebensinhalt gewesen und sie habe buchstäblich alles für ihn getan. Sie verstehe überhaupt nicht, warum er sie nun verlassen habe, da sie doch auch attraktiv sei und zudem sehr bemüht, ihm alles Recht zu machen? 
Im Verlauf der Beratung zeigte sich, dass die nun beendete Partnerschaft darin bestanden hatte, dass Alinas Freund, – nennen wir ihn Dennis, 34 Jahre alt, – fast wie ein Junggeselle sein eigenes Leben weiter geführt hatte, während es ihre Aufgabe gewesen war, als seine Begleiterin, Haushälterin und sein „Betthäschen“ jeder Zeit für ihn da zu sein. 
Diese Rollenverteilung hatte sie ihm von Anfang an nonverbal angeboten und auch für ihn, den Erfolgs gewohnten, attraktiven und sportlichen Typen, erschien genau diese Art von Partnerschaft passend. 
Alina, die sich stets modisch-feminin kleidete, auffallend schminkte, zart und extrem schlank bis untergewichtig erschien, verfügte über wenig Selbstvertrauen und schätzte sich glücklich, einen „so tollen Kerl“ abgekriegt zu haben. 
Neben ihrer Arbeit putzte und kochte sie, trieb Sport für die Figur und in der wenigen gemeinsamen Freizeit schloss sie sich seinem Freundeskreis und seinen Interessen an.    Für ihre eigenen FreundInnen und für ihr früheres Hobby – das Reiten – hatte sie keine Zeit mehr. 
Dadurch wurde ihre Abhängigkeit von ihm noch stärker und bei jedem Schritt, den sie in ihrem Alltag tat, dachte sie an ihn.* Alina hielt ihr Erleben für „Liebe“ und ahnte nicht, dass es sich eigentlich um beiderseitige, regressive (kindliche) Abhängigkeit handelte. Das böse Erwachen kam erst, als er von der Arbeit immer später nach Hause kam, manchmal sogar über Nacht weg blieb und sie auch seltener zu seinen Freunden mitnahm. Schließlich kam es eines Tages zu einem heftigen Streit, Dennis beschimpfte sie als „blöde Kuh, die ihm schon lange auf die Nerven gehe mit ihrem Getue“, warf sie samt einem Teil ihrer Kleidung aus der gemeinsamen Wohnung und rief ihr noch hinterher  „Ich hab sowieso 'ne Andere“. 
Für Alina brach die Welt zusammen. Soweit die Vorgeschichte.
Im Verlauf der Beratung versuchten wir gemeinsam heraus zu finden, wie sie eigentlich in diese leidvolle Situation hinein geraten war. 
Wie die meisten heutigen jungen Frauen hatte Alina ihre Glaubenssätze bezüglich Geschlecht und Beziehung weitgehend von ihren Eltern, der Schule und den Medien (Filme, Internet) übernommen. 
Mit anderen Worten: Sie hatte gelernt, dass eine junge Frau nur dann beliebt und erfolgreich ist, wenn sie attraktiv, sexy und sexuell leicht verfügbar ist. 
In ihrem Elternhaus hatte sie früh beobachtet, dass eine Frau fast ausschließlich über ihre äußerliche Attraktivität gesehen und bewertet wurde. 
Ihre Mutter, von Beruf Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft, war fast ständig mit der neuesten Mode beschäftigt, beruflich und privat. Sie besaß zwei gut gefüllte Kleiderschränke, ging monatlich zum Friseur und niemals ungeschminkt aus dem Haus. Ihr Stil orientierte sich am neuesten jugendlichen Trend, auch als sie selbst längst keine junge Frau mehr war. 
Der Vater bewunderte seine schicke, modische Frau – allerdings stets nur auf Nachfrage – ansonsten war er mit seinem eigenen Leben beschäftigt, das aus Berufsarbeit in einer Führungsposition und mehreren aufwändigen Hobbys bestand. 
Alina wuchs als Einzelkind auf und wurde frühzeitig von ihrer Mutter angeleitet, sich schick „zurecht zu machen“ und dann im jeweils neuesten Kleidchen dem Vater vorgeführt, der ihr in solchen Situationen applaudierte und ihr für kurze Zeit seine Aufmerksamkeit und Bewunderung schenkte. 
Seine weiteren häuslichen Interessen galten einer sauberen, aufgeräumten Wohnung und vor allem – gutem Essen! Dafür sorgte Alinas Mutter neben ihrer Teilzeitarbeit voller Hingabe, sie bekochte ihren – bereits übergewichtigen – Ehemann mit seinen Lieblingsspeisen. 
Sie selbst hielt allerdings strenge Diät, aß nur wenig, trug Kleidergröße 36/38 und erklärte ihrer kleinen Tochter frühzeitig, dass eine Frau immer auf ihre Figur achten müsse, sonst würde sie „fett und hässlich“. 
Auf diese Weise gelang es Alina natürlich nicht, ein gesundes und umfängliches Selbstvertrauen in die eigene Person zu entwickeln – alles was zählte, war ihr Gesicht, ihr Körper, ihre Kleidung und Schminke. 
Sie saß bereits als Elfjährige stundenlang vor dem Spiegel, probierte verschiedenes Make-up und Kleidungsstücke aus und betrachtete sich selbst äußerst kritisch und verunsichert, immer mit dem Gedanken beschäftigt, ob sie gut genug aussähe? 
Die Frage nach dem eigenen Wert, die Hoffnung auf Anerkennung, Beachtung und Zuwendung wurde für Alina völlig abhängig vom Applaus anderer Menschen – zunächst Mutter, Vater, dann KlassenkameradInnen, FreundInnen. 
Jede kleinste Kritik an ihrem Äußeren machte sie verzweifelt und todunglücklich. Als beste Freundin suchte sie sich bezeichnenderweise ein Mädchen aus, die dem allgemeinen Schönheitsideal sehr wenig entsprach – auf diese Weise konnte sie zumindest sicher sein, dass wenigstens ihre Freundin nicht besser aussah als sie selbst. 
Die Medien, in denen genau diese Haltung bei Mädchen und Frauen extrem gefördert wird, verstärkten noch ihre Ängste und ihren Frust. Wie sollte sie je gut genug sein, denn irgendein Mädchen war immer noch schöner, schlanker, attraktiver als sie! 
Ihre Mutter teilte ihre Sorge, beriet sie in Modefragen, ging häufig mit ihr zum „Shoppen“ - und dies war im Grunde die einzige gemeinsame Freizeitbeschäftigung von Mutter und Tochter. 
Über Gefühle, Wünsche, Sorgen die nicht das Thema Attraktivität, Haushalt oder den Vater/Mann betrafen, wurde selten gesprochen. 
Auch Schule und Lernen wurden als Nebensache betrachtet und die mittelmäßigen Leistungen der Tochter akzeptiert. „Sie ist vielleicht nicht besonders helle – aber ist sie nicht hübsch?“ prahlte die Mutter im familiären Kreis mit ihrer Tochter. 
Freundschaften mit anderen Kindern/Jugendlichen wurden nicht wichtig genommen, Kinderbesuch war nicht gerade erwünscht, denn es bestand die Gefahr, dass das Haus in Unordnung geraten oder verschmutzt würde. 
Anderweitige Hobbys oder Interessen wurden nicht vermittelt und ich vermute, dass Alina damals schon in völlige Resignation und möglicherweise in eine Magersucht abgerutscht wäre, hätte nicht ihre Freundin sie einmal auf einen Ponyhof mitgenommen. Dort entdeckte Alina ihre Begeisterung und Liebe zu Pferden und zu Tieren allgemein. 
(Hintergrund Psychologie/Pädagogik:  Über die enge Verbindung jugendlicher Mädchen zu Pferden ist schon oft spekuliert worden – ich denke, dass viele Mädchen hier ein Betätigungsfeld finden, wo sie endlich einmal frei werden von der zwanghaften Beschäftigung mit der eigenen Person, dem eigenen Äußeren. 
Tiere, auch Pferde, beachten das Äußere eines Menschen kaum, sie verschenken ihre Zuneigung unter anderen Kriterien. Zudem reagieren sie spontan, ehrlich und körperlich auf Kontaktwünsche der Mädchen, sie nehmen die Fürsorge und Zuwendung der Mädchen gern an – und auch dies ist ein wichtiger Aspekt, denn Mädchen, als liebesfähige, gefühlsbetonte zukünftige Mütter, brauchen Liebesobjekte! 
Jedoch, so möchte ich ausdrücklich betonen: nicht-sexuelle Liebesobjekte! 
Wesen, die ihre Zuneigung annehmen und meistens auch erwidern, die unkompliziert und dankbar reagieren, wenn sie gepflegt, liebkost, versorgt und im Freien bewegt werden.  Ich bin davon überzeugt, dass Mädchen, viel stärker als Jungen, als spätere Mütter ihre Fähigkeiten im Bereich des Liebens, Nährens und Versorgens instinktiv erproben und üben möchten bzw. müssen! Wenn ihnen dies verwehrt wird, leiden sie! 
Doch das familiäre Umfeld einer heutigen Kleinfamilie bietet in aller Regel keinen Raum für derartiges soziales Üben, u.a. deswegen, weil es kaum Babys oder Kleinkinder zu versorgen gibt. In vielen Familien übernehmen daher Hunde und Katzen – oder eben Pferde - diese Rolle.)
Alina verstand im Laufe unserer gemeinsamen Arbeit, welche Einstellungen und familiären Muster sie geprägt hatten und konnte und wollte sich teilweise von diesen distanzieren. 
Wie für die meisten Frauen hierzulande bleibt auch für sie die Erarbeitung neuer Beziehungsmuster, die Aussöhnung mit sich selbst und ein kluger Umgang mit der eigenen Gefühlswelt eine langwierige, aber lohnenswerte Aufgabe. 
Alina hat sich mittlerweile einem Frauenkreis angeschlossen, in dem bewusst „female sisterhood“ (weibliche Schwesternschaft) gelebt wird und sucht derzeit nicht sofort nach einem neuen Partner. Sie möchte damit warten, bis sie sich selbstsicherer fühlt.
Ihre Beziehung zur eigenen Mutter hatte sich vorübergehend verschlechtert, da Alinas Mutter durch die Veränderungen, die ihre Tochter durchmachte, zunächst irritiert war.   Sie versuchte anfangs weiterhin, ihrer Tochter gute Ratschläge zum „Männerfang“ und zur Steigerung der eigenen äußerlichen Attraktivität zu geben. Alina lehnte diese Vorschläge immer öfter und deutlicher ab. Nach und nach gelang es ihr, auch ihre Mutter für die Aufklärung über destruktive weibliche Verhaltensmuster im patriarchalen System zu interessieren.
Mittlerweile sind beide Frauen gut miteinander ins Gespräch gekommen und fühlen sich manchmal einander sehr nahe – oder aber sie streiten offen, was früher nie vorkam - und gehen sich eine Weile aus dem Weg. „Eines ist klar, sagte Alina in einem unserer letzten Gespräche, „ meine Mutter und ich haben erst jetzt wirklich gemerkt, wie wichtig wir einander sind und wie gern wir uns eigentlich haben.“
Nach einer notwendigen Phase der Wut auf ihre Mutter konnte Alina zunehmend auch Dankbarkeit empfinden für das, was die Mutter ihr gegenüber auch gut gemacht hatte.   Sie konnte Respekt empfinden für die Lebensleistung ihrer Mutter, vor allem, nachdem wir uns auch mit der Kindheitsgeschichte der Mutter beschäftigt hatten.
Als Alina diese Empfindungen von Dankbarkeit gegenüber ihrer Mutter äußerte, kam es  zu einer heftigen Reaktion der Mutter: Sie weinte vor Rührung und Freude und erkannte, wie sehr ihr eine solche Anerkennung bisher gefehlt hatte.
Das Leben dieser beiden Frauen – einer "Freundin-Mutter" und ihrer Tochter – ist nun nicht eine heile Welt geworden – doch es wurde entscheidend verändert und bereichert durch ein weibliches Selbstverständnis, welches ihnen ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben entsprechend den eigenen Bedürfnissen und Wertmaßstäben zu führen. 
Die Mutter-Tochter Beziehung spielt darin keine dominante, aber eine wichtige Rolle.        Alina möchte in Zukunft nicht mehr nur für eine Partnerschaft leben oder sich von einem egozentrischen Mann dominieren lassen. 
Eine neue Partnerschaft, so sagt sie, muss auf jeden Fall Raum lassen für ihre eigene Entwicklung und für ihre eigenen, auch emotionalen, Ansprüche an einen Partner. Zunächst konzentrierte sie sich allerdings auf eine berufliche Fortbildung, ihren FreundInnen-Kreis und pflegte ihr wieder entdecktes Hobby, das Reiten und ihre Liebe zu Pferden.....

Fußnote:
*Es ist, nebenbei bemerkt, interessant zu verfolgen, wie konkret jeweils die moderne Popmusik unsere Gesellschaft widerspiegelt:  In diesem Fall denke ich an den - damals sehr bekannten - Song "From 9 to 5" von Sheena Easton aus dem Jahr 1980.  Eine junge Frau beschreibt darin, wie sie den ganzen Tag zu Hause auf ihren Partner wartet und nur an ihn denkt und für seine Rückkehr lebt...und dies als Darstellung einer optimalen Zweisamkeit, einer "echten Liebe".





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